Das ehemalige Rittergut in Waditz, Gemeinde Kubschütz
Zwischen 2003 und 2010 fanden im Hof Nr. 17 archäologische Grabungen
statt. Die dabei ans Licht geförderten archäologischen Funde sind für die Ortsgeschichte von großer Bedeutung. Zu den wichtigsten zählen drei Spinnwirtel und zahlreiche Scherben des 12. – 15.
Jahrhunderts. Dies ist ein erneuter Beweis dafür, dass
mittelalterliche Hausgrundstücke Jahrhunderte lang immer wieder
an der gleichen Stelle bebaut und genutzt wurden. In folgender Beschreibung soll über die
Ergebnisse der Untersuchungen berichtet werden.
Hofgeschichte und archäologische Bauforschung
In der Kolonisationszeit im 12./13. Jahrhundert baute sich ein
deutscher Ritter einen kleinen Herrensitz in den östlich von Bautzen
gelegen sorbischen Weiler „Wadicy“. Die Ersterwähnung von
Waditz in einer Urkunde des Bischofs von Meißen fällt auf das Jahr
1250. In dieser Schrift wird ein Ritter „Henricus de
Wadewicz“ genannt.

Aus dieser Gründungsphase stammen auch díe abgebildeten Spinnwirtel, eine Scherbe mit Wellenlinie und eine Scherbe mit Fingernageleindrücken in unglasierter Tonware. Das hellere Bruchstück gleicht einer in der Ortenburg in Bautzen gefundenen Scherbe des frühen Mittelalters .
Aus der Zeit um 1376 ist ein weiterer Nachkomme des
Waditzer Rittergeschlechts, ein „Hentschil de Wadewicz" bekannt.
Am
Anfang des 15. Jahrhunderts scheinen die von Waditz ausgestorben zu
sein, denn „Hanns von Lautitz“ tritt als Grundherr des Ortes auf.
Dieser verkauft 1441 „das Vorwerk Wadewitz mit allem Zubehör
an Petir Lipize zu Konewitz für 100 gute Böhmische Groschen“.
Bisher
war die Lage des ehemaligen Herrensitzes mit dem Vorwerk im Ort nicht genau
bekannt. Die Auswertung der archäologischen Funde und weitere Quellenforschungen weisen jedoch auf die ehemaligen Bauernhöfen Nr. 17 und 18.

Ein Blick in den Grundmauerbereich des freigelegten Rittergutsgebäudes, dass in Auswertung der Funde vom 12. bis 15. Jh. genutzt wurde, zeigt deutlich die verschiedenen Kulturschichten und die Einzelfunde "Topfdeckel" sowie ein halbes "Hufeisen" aus dem 13./14. Jahrhundert.
Das ehemalige Waditzer Vorwerk wurde 1441 letztmalig genannt und bestand nachrichtlich bis 1505.

In alten Kaufbriefen und Urkarten zur Fluraufteilung des Dorfes Waditz und im Beinamen "Lehngut" blieb das Vorwerk aber weiterhin erhalten.
Aus der Rittergutszeit stammt wohl auch das mit gewaltigen Erdmassen verschüttete Kellergewölbe. Dieses Tonnengewölbe mit über 2 Meter Höhe, sowie die Metallteile der ehemaligen Eingangstür zeigen gotische Formen.
Vor etwa 1730 erreichte man den Raum noch über einen großzügigen Treppeneingang vom Innenhof aus. In den unruhigen Kriegszeiten vermauerte man diesen jedoch, um Nahrung und Wertgegenstände dahinter zu verbergen.
Dieses mittelalterliche Kleinod soll nun wieder begehbar gemacht und in die öffentlichen Führungen mit einbezogen werden.
(Wer Lust und Laune zum "archäologischen freigraben" hat, kann sich gern melden.)

Auch der heute noch vorhandene kleine Dorfteich am Gut und
ein uralter Trocken-mauerrest, welcher 2008 teilweise
rekonstruiert wurde, könnten auf die Lage der ehemaligen Wasserburg
neben dem damaligen Vorwerk hinweisen.
Durch einen Lehnbrief vom Böhmischen König aus dem Jahre 1505 wurde urkundlich der Stadt Bautzen das Eigentum am Dorfe
Waditz bestätigt. Waditz blieb von da an nur mit einer kurzen
Unterbrechung bis 1832 Ratsdorf.
Damals waren die Einwohner
gegenüber der Stadt Bautzen dienstpflichtig. Die Gerichtsbarkeit,
das heißt die Gewalt über Leben und Tod, lag ebenfalls bei
ihr.
Ein Dokument aus dem Jahre 1534 gibt erstmals
Aufschluss über alle Waditzer Bauerngüter die steuerpflichtig waren.
Unter anderem ist in diesem Schriftstück der Bauer Mattes Subsch genannt, dessen Gut mit einem Wert vom 600 Mark das größte im Ort
war. Nun scheint sich der Kreis fast zu schließen, denn 1625 werden bei einer Steuerzählung 6 Bauern davon 2 Ganzhüfner, 3
Halbhüfner und 1 Lehnbauer genannt.
Die alt eingesessene Bauernfamilie Subsch lebte im 16. und 17.
Jahrhundert nicht gerade in dürftigen Verhältnissen. Dies zeigen die
für den ländlichen Bereich ungewöhnlichen Fenster mit bleigefassten
Butzenscheiben.

Wer sich so etwas leisten konnte, zählte schon zum
gehobenen Bauernstand. Auch am Hausrat der Familie Subsch, der in
einem verfüllten, mittelalterlichen Kellerbereich über Jahrhunderte
schlummerte ist zu erkennen, dass nicht nur einfache Keramik im
Alltag genutzt wurde. Verschiedene mit Stempeln verzierte
Steinzeuggefäße, bunt bemalte Teller und eine Kanne mit
Angobemalerei zeugen vom außergewöhnlichen Wohlstand der damaligen
Besitzer.

Die Tatsache, dass Waditz seit 1505 Ratsdorf
von Bautzen war spielte sicherlich eine wichtige Rolle in der
Entwicklung des Dorfes und seiner Bewohner. Mit ausschlaggebend
scheint jedoch die hervorragende Qualität der umliegenden Äcker ganz
gewiss auch der Fleiß der Bauern gewesen zu sein. Mit dem Verkauf
von überschüssigen landwirtschaftlichen Produkten konnte in der nahe
gelegenen Stadt schnell Bargeld erzielt werden.
Ein Beweis für diesen „ländlichen Reichtum“ sind auch die hohen
Geldbeträge die bei Grundstücksveräußerungen flossen. Kurz nach dem
30 jährigen Krieg endete mit dem „Alten George“ die Stammlinie der
Familie Subsch. Hanns Wehle heiratet um 1658 die Witwe
Sperling, eine geborene Subsch und verkauft im Jahre 1661 „... von seinen bisher besessenem Gute zu Wadiz gedachten seinem
Stief Sohne, George Sperlingen Elf Scheffel Acker Korn Aussaat,
neben einem daran stoßenden Wiese Fleckel, ungefähr einem Fuder Heu,
samt dem Ausgedinge Hause, Scheune und Garten, welches vormals der
“Alte George Subsch“, als jetzigen Käufers Groß Vater innen gehabt,
Erb- und eigentümlich um und vor Dreihundert Mark Kauf
Summe...“
Nicht nur dass in dieser Urkunde erwähnte
Ausgedingehaus, welches dendrochronologisch auf das Jahr 1661 datiert wurde, ist uns bis heute in seiner Originalität erhalten
geblieben, ebenso zwei weitere Gebäude im Hof.

Das Umgebindehaus mit aufwendig gestalteten Fachwerkobergeschoss sollte den Wohlstand der damaligen Bauern zeigen. Die
mit Lehm verputzte Blockstube von 1724 weist Eckverbindungen nach alter Zimmermannstradition mit weit überstehendem Holz auf.
Zur gleichen Zeit baute man einen neuen Keller innerhalb der Blockstube. Am Gründungstein der Kellertreppe fand sich im Lehmfußboden eine kleine zeitgenössische Tasse mit Fehlbrandspuren, die einst als Versteck für Münzen diente.

Die Schachtarbeiten im heutigen
Hausflurbereich begannen 2003. Auf Grund der Neuverlegung der Wasserleitung mussen hier Erdmassen bewegt werden. plötzlich wurde eine mittelalterliche Feldsteinmauer vom Vorgängerbau
sichtbar. Die Steinsetzungen befinden sich quer unter den
Grundmauern des heutigen Hauses. Die im Innenbereich dieser Mauer anschließenden
Fundhorizonte ergaben verschiedene archäologische Eisenfunde und zahlreiche Scherben des 12. – 15.
Jahrhunderts.
An dieser Stelle sei auch dem Landesamt für Archäologie Sachsen, Herrn Dr. Krabat, Frau Lorenz und Herrn Seifert für die Unterstützung bei der Vermessung gedankt.

Des Weiteren kam ein Versteck für einen 30cm hohen
Krug, der ehemals als Münzgefäß genutzt und im
Steinplattenfußboden fast unauffindbar eingelassen war zum Vorschein. Er war mit einer
schweren Granitplatte abgedeckt.
Die abgebildeten Böhmischen Groschen dienen nur zum historischen Vergleich der damaligen Nutzung.
Unter den verschiedensten Scherben konnten Trinkbecher mit
hervorragender Glasur, ein Küchensieb aus Keramik und weitere, sehr
dickwandige unglasierte Vorratsgefäße des 13.-14. Jahrhunderts
rekonstruiert werden.
Archäologische Funde im Bereich der
Blockstube
Überraschenderweise ließen sich auch bei der
erforderlichen Absenkung des Fußbodenniveaus im Bereich der
Blockstube verschiedene und deutlich erkennbare Fundhorizonte
lokalisieren.
Bis zum gewachsenen Erdreich, in eine Tiefe von
55 cm von der bisherigen Höhe gemessen, wurde gegraben. Es konnten
insgesamt 7 verschiedene Kulturschichten freigelegt und teilweise
sondiert werden.

Dabei fand sich auch im Bereich des letzten Kachelofens, der bis etwa 1991 bestand das Steinfundament eines Ofens aus dem 17. Jahrhundert. Dieses Fundament lag jedoch unter dem Fußbodenniveau der Gründungsmauer der Stubenhölzer. Die Blockstube konnten den drochronologisch in die Zeit nach 1723 datiert werden.
Damit ist bewiesen, dass ein beheizbarer Raum schon vor dem Einbau der Holzstube bestanden hat. In diese Zeit können auch einige kleine Bruchstücke einer hellgrün glasierten Ornamentofenkachel eingeordnet werden.
Ein älteres braun glasiertes Ofenkachelbruchstück und zeigt eine Säule mit Bogenansatz und kann ebenfalls in das 17. Jahrhundert datiert werden.
Beim Vergleich der einzelnen Auffüllschichten in der Stube mit den Schichten im Flurbereich konnte nachgewiesen werden, dass mindestens im 17. Jahrhundert das 12 Meter lange Gebäude nur einen einzigen Raum im Erdgeschoss mit einer Größe von 45 m² (!) aufwies. Damit ist auch zu erklären, warum die beiden Fachwerkwände im Obergeschoss als Hängewerk ausgebildet wurden.
Welche Nutzung diesem riesigen Raum zukam konnte bisher nicht sicher nachgewiesen werden. Ein Raum für die seit etwa 1720 bestehende Dorfschmiede wäre denkbar, aber warum dann die teilweise bis zu 70 cm dicken Bruchsteinwände und Türen mit Balkenriegel? Auch die Nutzung als Versammlungsraum an den zwei Gerichtstagen, die vom Rat zu Bautzen abgehalten wurden wäre denkbar. Schließlich handelt es sich um das alte Lehngut.

Die erstmalige schriftliche Erwähnung einer Schmiede in Waditz ist erst für das Jahr 1709 nachgewiesen. Freigelegte Brandspuren auf dem verziegelten Lehmfußboden weisen mit Sicherheit auf eine solche Nutzung hin.
Sollte es sich bei den dicken Feldsteinmauern etwa doch um Reste vom Rittersitz, der bis zum Jahr 1505 bestandenen hat handeln?
Diese Frage bleibt vorerst npch ungeklärt.
Die verschieden tiefen Mauerwerksgründungen weisen auf einen wehrhaften Baubereich und müssen noch näher untersucht werden.
Auch rechts oben neben dem Türstock befindet sich vielleicht ein Hinweis (?) auf eine besondere Bedeutung.

Der Kopf eines Besitzers? Ein "Neidkopf"?
Auch das Material (Basalt) weicht von den anderen flachen Granitlesesteinen erkennbar ab.
Es bleibt ein Rätsel...
Kleinere jüngere Funde, die aber keine sicheren Erkenntnisse zur Nutzung
des Raumes geben fanden sich ebenfalls in den Verfüllschichten. Zum
Beispiel stürzten beim herunter brechen der dicken Außenwände im
zukünftigen Blockstubenbereich auch reichlich Kalkputzreste,
teilweise mit braun getöntem dünnen Beistrich in die Verfüllschicht
unter den Blockstubenfußboden. Dort wurden Sie bis heute
konserviert.
Weitere sehr verschiedenartige Bodenfunde
reichen von Knochen über Steinzeugtonwaren, Kleinmünzen bis hin zu
einer Tabakspfeife. Ein Uniformknopf sowie Bleikugeln der
Preußischen Armee fanden sich auch, denn im Jahre 1758 fand
unweit von Waditz die „Schlacht bei Hochkirch“
statt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die
einstigen Bewohner des Hofes kontinuierlich den Fußboden im
Gebäudebereich aufgefüllt haben. Die vorgefundenen Mauerreste vom
Vorgängerbau (vor 1661) und die Datierung der darin gefundenen
Gefäßscherben beweisen, dass im Untersuchungsgebiet eine besondere
historische Nutzung mit nur zwei baulichen Änderungen in den letzten
800 Jahren stattgefunden hat. Dies spricht für eine lukrative und
deshalb kontinuierliche Nutzung und vielleicht auch dafür, dass hier
der Standort des alten Rittergutes war.
Eine historisches Foto aus der Zeit um 1940 zeigt noch die Ostseite mit der Umgebindekonstruktion und dem sichtbaren Fachwerk.

Ende der 1960er Jahre hat man die Fassade des Wohnhauses zeitgemäß mit Mörtel verputz und im Bereich der Blockstube große und breite Fenster ausgesägt. Auch die Umgebindekonstruktion wurde entfernt. Vor den Restaurierung 2002 sah das Gebäude noch so
wie auf dem Foto aus.

Nach der denkmalgerechten Restaurierung zeigt sich wieder die ursprüngliche historische Ansicht des Umgebindehauses von 1661.
Nur das etwas größere Fenster im Massivteil des Erdgeschosses rechts ist in seinem Änderungdbestand aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts so erhalten geblieben.

Am Fenster der ungeheizten Blockstube bilden sich bei minus 12°C durch die an den Scheiben niederschlagende feuchte Luft Eisblumen.
Früher hat man diese Erscheinung oft an Häusern bei extremer Kläte sehen können.

Detail des Scheunengebäudes, dass der Fotograf René Pech
in seim Oberlausitzkalender 2010 als Titelbild verwendet hat.
Die
Fachwerkscheune wurde in der Regierungszeit des Sächsischen
Königs "August dem Starken" errichtet.
Der Keller darunter
stammt noch aus gotischen Bauzeit mit einem großzügigem Gewölbe.
Der ursprüngliche Eingang wurde kurz nach den 30jährigem Krieg
vermauert und verfüllt. 2010 soll er wieder begehbar
werden.

So sah die Hofanlage um 1724 aus.
Von links nach rechts:
Schmiede 1661 und 1724 umgebaut
Scheune 1714 erbaut,
Wohnhaus 1655 erbaut.

2010 konnte mit Hilfe der Stiftung Umgebindehaus der einzigartige Fachwerkgiebel des 1655 erbauten Umgebindehauses fachgerecht durch die Zimmerei Klippel aus Beiersdorf restauriert werden.
Der Eigentümer Herr Pietsch hat mit besonderer Sorgfalt die historischen Lehmgefache in Handarbeit restauriert.
Vielleicht gelingt es in einigen Jahren die restlichen noch unter Putz versteckten Fachwerk- und Umgebindebauteile freizulegen.
Ein ehemaliges Münzgefäß aus dem 17. Jahrhundert ist bei Schachtarbeiten im Fußbodenbereich der Blockstube dieses Hauses zum Vorschein gekommen. Sicher könnten öfters solche Funde zu verzeichnen sein, wenn man vor Baubeginn in historischen Gebäuden behutsam die alte Substanz untersuchen würde.
Seit 2002 konnten über 2000 Gäste im Hof bergrüst werden. Alle waren begeistert und überrascht von der eigenwilligen Volksbauweise der Umgebindehäuser in der Oberlausitz und bekundeten weitere Besuche dieser Region.
Die Fotos entstand im Rahmen von Exkursionen von
Studenten aus Italien und China die von Prof. Morgenstern - TU Dresden begleitet wurden.
Zur Tradition geworden sind bereits die Gruppen von der Universität Vechta, die jedes Jahr die Lausitz besuchen.

Besonders das Interesse der Arbeitsgemeinschaft Historische Fachwerkstädte e.V. an den Oberlausitzer Umgebindehäusern sei an dieser Stelle genannt.
Mit einem Besuch von 40 Vertretern der Arbeitsgemeinschaft in der Oberlausitz und in Waditz konnte sich die Expertengruppe von der vielfältigen Umgebindebauweise überzeungen.
Gemeinsam mit Prof. Manfred Gerner, ein Spezialist der Fachwerkbauweise, konnte ich für alle Teilnehmer eine interessante Führung vorbereiten und durchführen.
Angebote:
-
individuell zusammengestellte Themen Exkursionen durch die
Oberlausitz zu ausgewählten, baugeschichtlich besonders original erhaltenen Umgebindehäusern und anderen Baudenkmalen
-
Radtouren zu ausgewählten Umgebindehäusern des 17. u. 18. Jahrhunderts (20-25 km Strecke)
-
Vorträge zur baugeschichtlichen Umgebindehausentstehung
-
Führungen durch Waditz das alte Lehngut mit Umgebindehäusern und Fachwerkscheune
-
Führungen durch den Umgebindehauspark in Cunewalde u. a.
Kontakt, Anfragen und Terminvereinbarungen
E Mail: waditz@t-online.de
Handy: 015208764846 (D2)
© Arnd Matthes - Waditz 2009 - 2011
aktualisiert am 16.04.2011
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